Eingebettet zwischen dem mächtigen Grimming und dem behäbigen Lawinenstein liegt in den dunklen Vorwinternächten in tiefer Stille und ruhiger Beschaulichkeit inmitten froststarrer Felder und Wiesen der Kurort Bad Mitterndorf. Das Mitterndorfer Nikolospiel erhält durch die wertvollen, aus Holz geschnitzten Masken und durch die jedes Jahr gleichbleibenden, von alters her überlieferten Texte, die sorgsam gehütet werden, einen ganz eigenen Charakter. Kurzum ein Hauch Nostalgie in unberührter oft schon verschneiter Winterlandschaft...
Gedämpft dringt jeder Laut durch die Stille der Dämmerung, ab und zu ein leise huschender Schritt, eine verräterisch knarrende Tür - Nikoloabend in Bad Mitterndorf.
Plötzlich zerreißt ein scharfer Peitschenknall die fast
beklemmende Stille. Schellengeläut und dumpfes Rollen mischen sich darunter und steigern
sich zu wahrhaft höllischem Lärm. Der Zug des Nikolospieles kommt. Allen voran die
"Schab", seltsame, ganz in Stroh gehüllte Gestalten mit riesigen Hörnern.
Breit und behäbig schreiten sie, schnalzen im Sechsertakt mit ihren Peitschen und machen
die Straße frei.
Paarweise folgen die übrigen Gestalten: der in Polizeiuniform gekleidete Quartiermacher -
ihm obliegt die Ordnung des Zuges - und der Nachtwächter, Schimmelreiter und der Bartl
mit dem Korb voller Süßigkeiten. Er trägt eine von allen Seiten lächelnde Maske.
Hinter den Mesnern mit ihren Klingelbeuteln geht der Engel mit dem Sternengewand und der
Lilie in der Hand , begleitet vom Rollenträger, der eine große Rute schwingt.
Dann folgen der heilige Nikolaus, an dessen Seite der Herr Pfarrer, der Bettelmann mit seinem Stock und der Tod mit der Sense, die Habergeiß als Sinnbild der Fruchtbarkeit und der Schmied mit dem Hammer.
Ihnen folgen die Krampusse, als erster der Höllenfürst
Luzifer persönlich. Er wird mit einer Kette von zwei kleinen Krampussen gehalten. Neben
ihm stampft der "Eheteufel". Paarweise folgen die übrigen Krampusse mit ihren
kunstvoll von heimischer Laienhand geschnitzten Masken. Zuletzt kommt noch der Jäger, der
für Ordnung bei den Krampussen sorgt.
Mit kräftigen Schritten tritt der Quartiermacher ein und bittet um Einlass für seine weißen und schwarzen Gesellen. Ist ihnen der Eintritt gewährt, kommt der Nachtwächter mit seiner leuchtenden Laterne. Er sagt die Zeit an und mahnt, auf Feuer und Licht achtzugeben. Ihm folgt der Schimmelreiter. Er umreitet den vor den Tischen freigelassenen Platz und vertreibt symbolisch die bösen Geister aus dem Raum.
Mit einem jähen Ruck springt nun die Tür auf, herein stürmt der Rollenträger mit seiner Rute. Doch zur Beruhigung der Kinder weist der Engel den schrecklichen Gesellen ab, und mit einem ehrwürdigen "Gelobt sei Jesus Christus!" erscheint Bischof Nikolaus mit dem Pfarrer.
Mit ruhiger und fester Stimme richtet Nikolaus seine
belehrenden und ermahnenden Worte an alle Anwesenden. Anschließend bittet er den
Katecheten, Nachschau zu halten, was die Kinder in der Schule gelernt hätten. Ist die
Befragung zur Zufriedenheit das hohen Herrn ausgefallen, kann der Bartl seine ewig
lächelnde Maske und seinen Buckelkorb durch die Tür hereinschieben. Lange Haarsträhnen
hängen ihm über das Gesicht und den Schafspelz.
Während er die Gaben verteilt, ertönt unvermittelt die Stimme des Bettelmannes: "Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, Herr geistlicher Herr, bitt' gar schön, kommen S'a weng' her!" Verharmlosend und reuelos erzählt er in seiner "Beicht" von all seinen Schandtaten. Da vollzieht sich in der rauchigen Wirtsstube das Schicksal eines uralten Jedermann, das Sterben des Mannes, der nicht wahrhaben will, dass er allezeit abberufen werden kann: Noch während er spricht, erscheint hinter ihm der Sensenmann und setzt seinem Leben ein Ende. Zwei Krampusse zerren den reulosen Sünder aus der Wirtsstube. Mit der Mahnung, sich das Geschehene zu Herzen zu nehmen, verlässt auch der Bischof das Lokal.
Nun ist Platz für die Mächte der Finsternis. Murrend und stampfend stürmt der "Eheteufel" über die Schwelle und schildert, wie er es fertig bringt, eine Ehe zu zerstören. Währenddessen wird es draußen immer unruhiger: Luzifer lässt sich beinahe nicht mehr halten. Sobald der Eheteufel geendet hat, stürzt er, die zwei kleinen Krampusse mit sich treibend, in den Raum, Wild stößt er den Dreizack in den Boden, und wild ist seine "Predigt", an deren Ende er die draußen wartenden Krampusse ruft, um alle in der Stube Sitzenden in die Hölle mitzunehmen. Ein wilder Tumult entsteht. Mit den Krampussen ist nicht zu spaßen, ihre Rute tut weh. Unter dem Tisch nagelt der Schmied alle an, die zu entkommen versuchen: Die Hammerschläge auf die Zehen können recht schmerzhaft sein! Die Habergeiß hat' es auf Frauen wie Männer abgesehen.
Da ertönt das Hornsignal des Nachtwächters. Nur ungern verlassen die Krampusse den Raum, doch ihre Herrschaft ist zu Ende. Sie stürmen hinaus zu den Schab, die vor der Tür Wache halten. Von neuem formiert sich der Zug, und weiter geht es zum nächsten Wirtshaus.
Fotos: Strohschab, Teufel:© Herbert Pirker